Kurzprosa

Jörg Ulrich Helgert - Lyriker

Zementiertes Patriarchat

Was wohl, so frage ich mich an diesem sehr, sehr frühen Morgen in der Mansarde, was wäre wohl aus den Putins, den Päpsten, den Heidiklumsen und sonstigem toxischen Erdenpersonal geworden, hätte es jemals ernsthafte Zweifel am gnadenlos-genetischen Führungsanspruch selbstherrlicher Männlichkeit im Menschbesatz unseres Planeten gegeben?

Männer regieren die Welt. Punkt.

Hätte ein Silvio Berlusconi (Bunga-Bunga seiner Asche!) jemals irgendeine nennenswerte Beachtung im Wahlvolk finden können, wären ihm nicht für seine Egomanie, Frauenfeindlichkeit und Menschenverachtung zigtausendfach die patriarchalisch verholzten Herzen chauvinistisch sozialisierter Männer und sich selbst verleugnender Frauen zugeflogen?

Persönlich hänge ich seit meiner Teenagerzeit einem Schablonendenken nach, welches mich zur Überzeugung gelangen lässt: Gewalt und Unterdrückung sind vorwiegend männliche Phänomene der irdischen Daseinsgestaltung - und auch überirdisch kommt die Phalanx der mutmaßlichen Gottheiten und vorgeblichen Heilsbringern bestens ohne weibliche "Störgeräusche" aus. Ganz ehrlich? Nicht mein Himmel!

Würden Frauen Kriege anzetteln? 

Sie wissen es doch besser . . .

Ich entsinne mich eines altklugen aber mutigen Schulaufsatzes mit dem Titel "Frauen an die Macht!", den ich mit 15 Jahren schrieb, weil mir damals die sogenannte "Frauenbewegung" logisch und notwendig erschien. Der Schriftsatz erntete gönnerhaftes Lächeln beim Fachlehrer und feixenden Mitschülerspott. Möglicherweise zurecht, denn Gleichberechtigung und die Segnungen friedensstiftenden weiblichen Empfindens sind - trotz gelegentlichen Aufbegehrens - bis heute eine Träumerei geblieben.

Dass irgendwann in absehbarer Zukunft endlich(!) eine Generation selbstbewusster, sanfter, kluger und starker Frauen die Geschicke unserer desaströsen Welt in ihre Hände und auf guten Weg bringen könnte, erscheint mir zusehends utopisch. Zu dominant ist die verbale (männliche) Verrohung im alltäglichen medialen Schlagabtausch und zu oft ploppen mir asozialmediale "Reels" von erschreckend einfach strukturierten Mädchen und jungen Frauen auf, die ihren Wert offenbar mittels Push-Up, Kajal, Duckface und coolen Moves definieren. Die Frauen aber, die aktuell einen politischen Führungsanspruch postulieren, erscheinen mir in ihrer aggressiven und spalterischen Rhetorik nicht selten wie Machos mit Brüsten.

Ernüchternd.

Aber es sind - wie stets zu dieser frühen Stunde - nur spontane, unsortierte, rasch hingekritzelte Morgengedanken, und die kommen mir immer zur halben Nacht. Bei Tageslicht betrachtet sieht gewiss vieles wieder viel vielversprechender aus. Und dann blinzele ich in die Morgensonne und murmele bei einer guten Tasse guten Kaffees, untermalt vom Schnurren meines verständigen kätzischen Mitbewohners Theodor vom Stoerkanal ganz leise aber auch etwas aufmüpfig: 

"Frauen an die Macht!"  

 ©  Jörg Ulrich Helgert | JUH 

Erinnerung an "Blauen Dunst"

Mitunter überlege ich, wie viele Zigarettenstangen der Sorte "Güldenring" ich als kleiner Junge wohl für meinen Vater vom Tabakwarengeschäft "Leo Tillkorn" in Münster herangeschafft habe; immer in der kindlichen Überzeugung, mit dieser Dienstleistung dem Vati etwas sehr Gutes zu tun. Er bezog die intensiv-kräftigen Krautstengel von jenem winzigen Laden Ecke Kerkerinckstraße/Sentmaringer Weg beinahe exklusiv, denn das Ehepaar Tillkorn bevorratete sich mit dieser ansonsten kaum gefragten Marke fast ausschließlich für ihn. Mit dem Jugendschutz war es damals noch nicht weit her, und so übergab Leo mir kleinem Knirps die Glimmstängel, falls gewünscht, auch bedenkenlos stangenweise.

Mein Vater rauchte während der Arbeit Kette (ich erinnere mich an seinen zumeist gehäuft vollen Aschenbecher im Büro) - und daheim auch nicht gerade wenig. Eigentlich ein kleines Wunder, dass seine Lunge dieser Dauerberäucherung so lange standhielt.
Nach schwerer Erkrankung beendete Hans Helgert senior seine über ein halbes Jahrhundert währende intensive Raucherkarriere später dann von einem Tag auf den anderen. Er hörte einfach auf. Von 100 auf 0 in Null-Komma-Nix! Für solche Willensleistungen wird man heute medial noch immer als Held gefeiert.

Die Sorte Güldenring habe ich nirgends sonst jemals gesehen. Als Dreikäsehoch, der seinen Vater für einzigartig und besonders hielt (an dieser Einschätzung halte ich in Teilen bis heute fest), war diese exklusive Markenverbundenheit nur ein weiteres Indiz für das ganz Spezielle am Oberhäuptling unserer Familie.

Dass es sich bei seiner exzessiven Qualmerei - die an gemeinsamen Fernsehabenden das Wohnzimmer mitunter in dichte Schwaden hüllte - etwa um eine persönliche Schwäche oder gar Sucht handeln könnte, wäre mir nicht in den Sinn gekommen. Zudem: So etwas Spaßbremsendes wie eine Mitraucherproblematik interessierte in den 60er- und 70er-Jahren nicht die Bohne und Millionen Raucher und Raucherinnen schon mal gar nicht, denn die gingen schließlich ausdrücklich und mit geradezu sinnlicher Entschlossenheit "meilenweit für eine CAMEL FILTER".

Ja, so war das damals.

Ich selbst hatte als 9-jähriger Knirps ein einziges Mal mit meinem besten Freund Holger ("Holli") aus Gründen der Neugierde und Coolness eine "organisierte" halbvolle Schachtel "Camel" ohne Filter weggepafft. Unbeobachtet, unter einer abgelegenen Fußgängerbrücke kauernd, ungemein lässig und ungemein subversiv.
Die sich anschließenden durchschlagenden körperlichen Folgeerscheinungen der Nikotinorgie machten einen raschen Wechsel der unteren Leibwäsche erforderlich und ließen Holli und mich fortan zu glühenden Verfechtern des strikten Nichtrauchens werden.
Unserem "heiligen" Tabak-Entsagungs-Schwur von damals halte ich bis heute die Treue. Ob Holli seinerseits mit den Jahren etwa doch schwach wurde? Ich weiß es nicht. Vielleicht sollte ich ihn ja endlich einmal anrufen und danach fragen - aber auch, um zu erfahren, wie es ihm in all den Jahren seither ergangen ist . . .

© Jörg Ulrich Helgert | JUH

Jörg Ulrich Helgert - Lyriker
Jörg Ulrich Helgert - Lyriker

Über Kunstbanausikalität

Auf meinen ausgedehnten nächtlichen Streifzügen durch das welt-weit-wunderbare Netz, getrieben vom drängenden Interesse meiner poetischen Forscherseele, etwas Verwertbares für das Streben nach Weisheit, Sinn und Klarheit zu entdecken, stoße ich des Öfteren auf Lyrik, insbesondere höchst moderne Lyrik, die mich überfordert. Hier ein Beispiel:

"Ich wabere gallertweisig
im Badewasser
des Todes
auf kreischfahlen Wogen
allgäuer Kühle
am Rande des Mahlstroms
von Ewigkeiten ersungen."

Das Werk wird mit etlichen hochragenden Daumen, Emojis aller Couleur und sinnigen Kommentaren gewürdigt. Eine tiefe emotionale Angefasstheit scheint die versierte Leserschaft gepackt zu haben; kein einziger kritisch negativer oder wenigstens zweifelnder Beitrag ist zu finden. Nur seelentiefes Verständnis und ergriffene Dankbarkeit.

Ich bemühe mich aufrichtig aber erfolglos um einen intellektuellen Zugang zu diesen Zeilen und schürfe nach dem Gehalt der Worte. Aber auch Googles Weisheit trägt hier nicht wesentlich zur Erhellung bei. Der erste spontane Gedanke in mir bleibt bestimmend:
"Was ist das nur für ein Unsinn?"

Mit einiger Erschütterung erfasst mich die Erkenntnis, wie begrenzt doch mein künstlerisch-ästhetischer Erfassungshorizont angelegt sein muss, und dass ich offenkundig keinen Schimmer von großer Lyrik habe. Für einen Moment juckt es mich aufbegehrend im Eingabe-Zeigefinger, die überschwänglich lobpreisende Kommentarspalte zu diesen rätselhaften Zeilen mit einem hämischen "Selten so gelacht!" zu verunreinigen - aber was wäre dadurch schon gewonnen? Lediglich dem Spott der Wissenden würde ich mich aussetzen.

Also verbringe ich den Rest der Nacht damit, eingewickelt in die zimtfarbene kuschelweiche Dralon-Wohlfühldecke (zertifiziert nach Öko-Tex® Standard 100) auf meinem roten Sofa im warmen Lichtkegel der Standleuchte zu sitzen und meinem Mitbewohner, dem famosen Kater Theodor, aus Wilhelm Buschs Werken vorzulesen. Der alte Wilhelm wirkt auf Theo und mich immer ungemein beruhigend und ermutigend - wohl auch, weil seine Verse uns das angenehme Gefühl vermitteln, jedes seiner Worte und auch den Dichter selbst annähernd vollständig begreifen zu dürfen.

"Früher, da ich unerfahren
und bescheidner war als heute,
hatten meine höchste Achtung
andre Leute.
Später traf ich auf der Weide
außer mir noch mehre Kälber;
und nun schätz ich, sozusagen,
erst mich selber."

zugeschrieben: Wilhelm Busch (1832 - 1908)

© Jörg Ulrich Helgert | JUH

Meine Langsamkeit

Ein Lehrer - ich mochte ihn sehr - kritisierte während einer Schulstunde meine Langsamkeit und meine Sorgfalt: "Du wirst noch mal in Schönheit sterben."
Es war das Unterrichtsfach "Kunstgestaltung" in der 8. Klasse, und jeder Schüler hatte die Aufgabe, zum feststehenden Abgabetermin, eine eigene kleine Skulptur aus Gips anzufertigen. Ich war zeitlich enorm im Verzug.

Nach dieser Rüge steigerte ich folgsam mein Tempo, arbeitete schneller, effizienter jedoch ohne die Ambition, ein perfektes Ergebnis zu erzielen. Meine Skulptur wurde rechtzeitig fertig und auch irgendwie benotet.
Die Lektion war gelernt: Fortan erbrachte ich fade Leistungen - zu meiner Unzufriedenheit und zur Zufriedenheit des Lehrers, den ich noch immer sehr mochte.

Wenn ich den Mann heute träfe - ich würde ihn zur Rede stellen:
"Warum hast Du mich damals nicht in meiner eigenen Geschwindigkeit perfekte Ergebnisse oder Teilergebnisse erzielen lassen? Du hast mir die Begeisterung genommen." Er würde wohl in diesem Sinne antworten:
"Man muss sich den Vorgaben anpassen und im Welt-Tempo arbeiten, um bestehen zu können. Das solltest Du damals lernen, und Du hast es gelernt."

Mit erwachsenem Wissen zurückblickend, hätte ich in jener Zeit den Mut aufbringen sollen, darauf zu bestehen, mein eigenes Timing zu behalten oder andernfalls die Leistung zu verweigern. Der zu erwartende Ärger in der Schule und im Elternhaus wäre läppisch gewesen gegenüber dem Schaden, der damals angerichtet wurde. Die Skulptur, "meine" Skulptur - so, wie sie mir damals vorschwebte und wie sie mir wichtig war - wurde auch später niemals erschaffen. Nicht einmal einen Versuch habe ich unternommen.

Bewusst gegen das "Welt-Tempo" zu leben und zu arbeiten, den eigenen Weg zu gehen - mit meinen eigenen Möglichkeiten, Ambitionen, Talenten - aber auch mit meinen Nachteilen und Schwächen, mit dem allerwichtigsten Ziel, persönliche Zufriedenheit zu erlangen, solches lerne ich erst heute, Jahrzehnte nach meiner Schulzeit, als Jungautor im Rentenstand.

Ich lerne ganz langsam und mitunter schmerzvoll.
Schmerzvoll, wenn ich bedenke,
was durch Bewahrung meiner Langsamkeit alles möglich gewesen wäre und was nun vielleicht nicht mehr möglich sein wird.

Den Lehrer mag ich noch immer.
Er ist ein großer Künstler.

© Jörg Ulrich Helgert | JUH

Jörg Ulrich Helgert - Lyriker
Jörg Ulrich Helgert - Lyriker

Dompfaff non grata 

Mir ist seit mehr als 30 Jahren kein leibhaftiger Dompfaff (Pyrrhula pyrrhula) mehr begegnet.
Dies empfinde ich manchmal als Nachteil.
 
Wobei ich nicht exakt erklären kann, was im Grunde mir fehlt, da es in all den Jahren kein Aufeinandertreffen mit ihm gab.
Vielleicht ist es nur ein Fall gekränkter Eitelkeit: Der Vogel existiert, aber er hält es einfach nicht für nötig, mir über den Weg zu flattern.
 
Ausgerechnet mir weicht er aus!  
 
Dabei mag ich doch kleine bunte Finken so sehr und habe zeitlebens niemals abschätzige Bemerkungen über den Dompfaff fallen lassen.
Er kann sich also von mir weder beleidigt noch missverstanden fühlen, sondern entzieht sich meinen Blicken wohl eher aus Desinteresse; oder aus purer Arroganz.
 
Doofer Dompfaff! Ein wahrer Gimpel bist Du!
 
Heute beobachtete ich einen Schwarm Rauchschwalben. Sie jagten um die Häuser auf der Jagd nach Insekten und machten den Eindruck, allerbester Laune zu sein.
Ihre Fröhlichkeit übertrug sich auf mich - und für einen Moment war mein Kummer mit dem Dompfaff vergessen.
 
Jetzt aber, da ich gerade wieder sehr ärgerlich über ihn bin, beschließe ich, den Dompfaff kurzerhand aus meinen Gedanken zu verbannen und ihn ganz sicher nicht mehr zu vermissen.
Mit den Rauchschwalben verfüge ich schließlich über einen munteren gefiederten Freundeskreis. Sie zeigen sich mir, können im Chor piepen und sogar Flugkunststücke aufführen.
Der Dompfaff kann nur bunt sein.
 
Also dann:
Kein Wort mehr über den Dompfaff!
Die Sache ist für mich erledigt.
 
Was allerdings mit mir geschähe, sollte er, der Dompfaff, morgen urplötzlich auf meiner Fensterbank erscheinen - nach über 30 Jahren - das ist nicht voraussehbar.
 
Womöglich lächelte ich ihm zu.  
 
© Jörg Ulrich Helgert | JUH

Na, Frohe Ostern!

Denke ich an Ostern, so denke ich an meinen Vater.
Die spannenden Spazierexkursionen mit ihm an Ostersonntagen, während derer sich das Körbchen mit den eifrig eingesammelten Ostereiern einfach nicht füllen wollte (weil Vater heimlich die Fundstücke entnahm und immer wieder neu versteckte), sind eine bleibende und - aus heutiger Sicht - schmunzelheitere Erinnerung. Damals als Kind blieb die recht überschaubare Ausbeute trotz überragender Suchleistung ein ungelöstes Rätsel . . .

Mehr noch aber ist mir eine Redewendung erinnerlich, die mein Vater ganzjährig parat hatte: "Na, Frohe Ostern!" Dieses Idiom hatte bei ihm die Bedeutung: "Das kann ja heiter werden!" vergleichbar mit " Na, Prost Mahlzeit!". Er kommentierte viele Vorgänge in dieser Weise - kurz, prägnant und kritisch; und wir wussten ganz genau, wie er es meinte.

"Na, Frohe Ostern!" war ein echter Allrounder.

Vater arbeitete im Garten und ein Gewitter zog auf: "Na, Frohe Ostern!" Die Bundestagswahlen liefen nicht, wie er es sich gewünscht hatte: "Na, Frohe Ostern!" Ich brachte schlechte Schulnoten nach Haus: "Na, Frohe Ostern!" Jürgen Sparwasser (DDR) erzielt bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1974 in Hamburg das 1:0 gegen die BRD: " Na, FROHE OSTERN!!!" Selbst einen für ihn niederschmetternden ärztlichen Befund bewertete er auf diese, seine ganz spezielle Art. "Frohe Ostern!" als beschwichtigender Euphemismus und zum Überspielen großer Angst und Sorge.

So wurde mit der Zeit "Frohe Ostern!" in meiner persönlichen Wahrnehmung zum Synonym für sich anbahnendes oder bereits eingetroffenes Ungemach. Und auch heute empfinde ich noch einen diffus mulmigen Schauder, wenn ich die Worte höre oder lese.

Wäre mein Vater noch da, es gäbe überhaupt keinen Zweifel, wie er aktuelle Entwicklungen und Befindlichkeiten in seinem Lebensumfeld, in seinem Heimatland und in der Welt beurteilen und kommentieren würde. Klimakatastrophen und Pandemien, Kriegswahnsinn, gesellschaftlicher sowie politischer Wertewandel, Entmenschlichung durch Medienperversion - und die Zahlung einer Viertelmilliarde Euronen für einen einzigen Fußballspieler, der als Gegenleistung noch nicht einmal mit jedem Schuss ein Tor erzielt . . .

"Na, Frohe Ostern!"

Post Scriptum: Ergänzend angemerkt lege ich noch offen, dass ich trotz beschriebener unguter Assoziationen ein bekennender Fan der weltlichen Ostertraditionen bin und es gewiss auch bleiben werde. Ein Grund dafür ist wohl auch meine hingebungsvolle Affinität zu hoppelsüßen Mümmlern . . .

© Jörg Ulrich Helgert | JUH

Jörg Ulrich Helgert - Lyriker
Jörg Ulrich Helgert - Lyriker

Erspüren von Göttlichkeit

"Der Mensch denkt und Gott lenkt",
so lernte ich es in Kindertagen.

Nach einem weitgehend unbedacht-irrgeleiteten Leben, handele ich heute jedoch in anderer sachverständiger Gewissheit: "Du denkst und lenkst und wirst geführt - und wenn Du es spüren magst, ist das Göttliche Dein Mentor."

Der personale Gott bleibt mir ein Mythos. Das unergründlich Göttliche aber nehme ich in kleinen Momenten erfüllender Erbauung und Dankbarkeit wahr, die mir bedeuten: Es macht einen (höheren) Sinn.

Diese Momente bleiben mein täglicher Arbeitsauftrag,
bis keine Tage mehr übrig sind.
Danach ist freie Stille.

© Jörg Ulrich Helgert | JUH

Kehrseite der Menschlichkeit

Entsetzliche Bekenntnisse meiner liebenswert anmutenden Mitmenschen, die ich mit eigenen Ohren und Augen so - oder so ähnlich formuliert - wahrnehmen und ertragen muss und denen ich hiermit mit der wuchtigen Eminenz meiner seelischen und körperlichen Masse widerspreche:

– Politiker der "Altparteien" entsprängen alle einem einzigen unseligen Schoß, der grundsätzlich und offenbar genetisch disponiert nur Eigennutz, Inkompetenz, Boshaftigkeit und Übelwollen gebiere.

– Flüchtlinge seien - mit ganz wenigen Ausnahmen - lediglich Nutznießer deutscher Sozialleistungen, gewaltaffin und verbrecherisch veranlagt. Sonst nichts.

– Die unseligen Opfer fahrlässiger Silvesterknallerei - Menschen, denen Körperteile abgesprengt wurden oder die ihr Augenlicht verloren - verdienen keinerlei Mitleid, da sie es selbst zu verantworten haben.

– Eine Lichtgestalt wie der amtierende amerikanische Präsident täte Deutschland ungemein gut. Der wisse eben, was zu tun sei.

– Junge Menschen - eigene Kinder und Enkel mal ausgenommen - seien in der Mehrzahl dick, doof, faul und asozial.

– Es wäre nun endlich an der Zeit, dem "Führer" jenes ehrende Gedenken angedeihen zu lassen, dessen er als große Persönlichkeit der Geschichte würdig sei. Er habe es doch gut gemeint, und kommende Generationen würden dies noch erkennen.

Die solcherart Reden führen, sprechen im gleichen Atemzug von ihrer innigen Liebe zu Enkeln, Tieren, schöner Musik, Handarbeiten und delikatem Essen, geben an, "sozial eingestellt" zu sein, feixen über den Begriff "Schutzsuchende", halten die Todesstrafe für dringend angesagt - und manche gehen sonntags in die Kirche.

"So ist der Mensch", denke ich mir bei jedem Stich ins Herz, der mir durch die Grausamkeiten und den Hochmut meiner "guten Nachbarschaft" versetzt wird; und ich suche händeringend nach meinem Weg aus diesen tagtäglichen Erschütterungen.

Und dann schreibe ich ein Gedicht über Schmetterlinge.

© Jörg Ulrich Helgert | JUH

Jörg Ulrich Helgert - Lyriker
Jörg Ulrich Helgert - Lyriker

Meine Freiheit

Freiheit ist eine Idee in den Köpfen der Menschen. Und Freiheit existiert auch nur dort, in diesen Köpfen. Freiheit ist keine zu erreichende physische Befindlichkeit, sondern eine sinnliche Wahrnehmung. Und eine Sehnsucht.

Was unterscheidet denn schon das Glücksgefühl des ungebundenen Wanderers an einem sonnigen Morgen im weiten Land, von der seelentiefen Zufriedenheit, die ein Häftling in seiner vergitterten Zelle beim Lesen erhellender Poesie empfindet? Wenig. Beide erleben Momente der inneren Befreiung, Momente des Glücks.

Was unterscheidet die Verzweiflung unterjochter Völker, von der Klage des Freigeists, über die "irdischen Fesseln der Schwerkraft"? Beide fühlen sich unfrei.

Ist Freiheit messbar? Ist sie abhängig von der Größe innerer oder äußerer Bewegungsradien? Ist nicht jeder unfrei, weil er gezwungen ist zu essen, zu trinken und zu atmen? Ist nicht jeder frei, weil ihm doch die unermessliche Freiheit der Gedanken zur Verfügung steht?

Ich liebe die Freiheit als Idee. Und als solche nutze ich sie weidlich zu meinem Vorteil aus. Was mir auch zusteht. Ich habe die Freiheit, auszuwählen, zu entscheiden oder auch unentschlossen zu bleiben. Ich habe die Freiheit zu begehren, zu lieben, zu verabscheuen, zu hassen, zu beurteilen. Ich habe die Freiheit, Glück und Unglück für mich selbst - und ausschließlich für mich selbst - zu definieren und zu erleben.

Ich habe die Freiheit, zu gewinnen oder zu verlieren, zu triumphieren oder zu scheitern, zu jubeln oder zu verzweifeln, glücklich zu sein oder aber unglücklich.

Für heute entscheide ich mich - nach kurzem Abwägen - mit aller Entschlossenheit dafür, als Günstling des Moments über mein ganz persönliches Glück lautstark und hemmungslos zu jubilieren. Einfach so! Einfach toll!

Diese Freiheit nehme ich mir.

© Jörg Ulrich Helgert | JUH

Güte, Liebe und Zärtlichkeit

"Im Namen des Lebens, der Güte, der Liebe und der Zärtlichkeit"

So die Eingangsworte in der Trauerrede eines befreundeten Geistlichen anlässlich einer weltlichen Beisetzung.
Der ordinierte Pfarrer ersetzte mit ihnen das sonst in der christlichen Kirche übliche Kreuzzeichen:
"Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes".

Eine wunderbare Lösung seines damaligen liturgischen Dilemmas, wie ich finde.
Und zugleich eine innere spirituelle Öffnung des gläubigen Theologen für diese besondere Aufgabe, die ihm von den Angehörigen angetragen wurde.

Könnten doch all die schmerzhaft trennenden weltanschaulichen und religiösen Diversitäten und Kontroversen unserer Zeit auf ähnliche einfühlsame Weise harmonisiert und "geerdet" werden! Leben in Güte, Liebe und Zärtlichkeit als Schnittmenge allen menschlichen Daseins.
Welch eine Basis! Welch ein globales Ziel!
Und: Wer könnte sich dieser "Ideologie" noch verweigern?

Die Beisetzung damals brachte Menschen verschiedensten Glaubens und Nicht-Glaubens zusammen. Es wurde ein Abschied, der dem Leben des Verstorbenen gerecht wurde. Vorbehaltlos mitgetragen von allen Trauergästen. In Würde und Menschlichkeit mit einer Begegnung der Vielfalt in tiefem Frieden.

Lediglich eine Alltags-Randnotiz zwar; aber auch eine großartige Botschaft.

© Jörg Ulrich Helgert | JUH

Jörg Ulrich Helgert - Lyriker
Jörg Ulrich Helgert - Lyriker

Der Fischer von Wenden

Was Mutti uns zu erzählen hatte . . .

Meine Mutter verlebte die viel zu kurzen Jahre ihrer Kindheit im winzigen ostpreußischen Dorf Wenden im Kreis Rastenburg (heute Kętrzyn). Der Nationalsozialismus hatte Deutschland bereits fest in seinen widermenschlichen Klauen, doch in Wenden nahm man die heraufziehende Schwere der Zeit noch ziemlich leicht.

So nahm auch keine Seele daran Anstoß, wenn der Fischhändler auf dem kleinen Wochenmarkt des Dorfes seine Ware lauthals mokierend anpries und dabei kein Blatt vor den Mund nahm:

"KAUFT HEERING! KAUFT HEEERING!
SO FETT WIE HERMANN GÖÖÖRING . . . !"

Über eine ganze Weile brachte der Mann seine Fische mit diesem eingängigen Werbeslogan an die amüsierte Kundschaft, und seine Geschäfte liefen gut. Bis er eines Tages nicht "zum Dienst" erschien. Und auch in den folgenden Wochen blieb sein angestammter Platz am Markt verwaist.

Die Dorfgemeinschaft begann sich zu sorgen. Zwar wusste niemand zu sagen, was der Grund für das plötzliche Verschwinden des beliebten Händlers war; doch Geschichten und Gerüchte über den brachialen Umgang der Nazis mit politischer "Inkorrektheit" und Respektlosigkeiten waren inzwischen auch in diese entlegene Region des "Großdeutschen Reiches" gelangt.

Umso größer war dann aber die Freude und die allgemeine Erleichterung, als der Fischer nach längerer Abwesenheit eines Tages wiederkehrte. Scheinbar unversehrt und offenkundig ganz der Alte. Er kam, sah und sang:

"KAUFT HEERING! KAUFT HEEERING!
SO FETT WIE NOCH VOR TAAAGEN!
DEN REST DARF ICH NICHT SAAAGEN . . . !"

Und häufiger als jemals zuvor stand nun "Fisch" auf dem Speiseplan vieler Haushalte im kleinen Dorf Wenden / Kreis Rastenburg.

Solche und viele ähnliche Anekdoten meiner Mutter legen die Vermutung nahe, dass der Humor der "alten" Ostpreußen von herzerwärmend sturer Bodenständigkeit und bauernschlauer Robustheit geprägt war. Und weil ich mich auch heute noch über die Erinnerungen an Muttis Dorfgeschichten köstlich amüsieren kann, wage ich kaum noch abzustreiten, dass ihr Mutterwitz irgendwie auf mich abgefärbt haben muss . . .

Von ihr gelernt habe ich gewiss die Wertschätzung für ein Leben in Frieden und Freiheit - verbunden mit der Gewissheit, dass dieses privilegierte Leben nicht selbstverständlich ist, sondern immense Anstrengungen der Selbstverteidigung bedarf. Jedenfalls und mehr denn je!

© Jörg Ulrich Helgert | JUH  

Ehrensachen in Münster

Auf dem Pausenhof meiner späteren Schule, des Wilhelm-Hittorf-Gymnasiums in Münster/Westfalen, in Spuckweite zur Wohnung des Helgert-Clans, reifte ich an ungezählten hitzigen Fußballnachmittagen auf glühendem Asphalt vom Knaben zum Manne. Blutig aufgescheuerte Knie und abgewetzte Schuhsohlen adelten den wahren Hittorf-Hardcore-Kicker der ganz frühen 70er Jahre. Der Umgangston war kindlich-rustikal aber offenherzig, und die Sprüche bei der Mannschaftswahl bleiben ewig unvergessen:
"Heute nehmt ihr aber "Fettie"! Wir wollen auch mal gewinnen!"
Mit "Fettie" war selbstredend nicht ich gemeint. Oder doch?
Ich erinnere mich nicht mehr so genau... Jedenfalls durfte auch Fettie immer mitspielen.

E h r e n s a c h e !

Spielen und Lernen bildeten eine räumliche Einheit damals. Vormittags lernte man auf der Schulbank für das Glück und das Seelenheil von Lehrern und Eltern - nachmittags auf dem Schulhof lernte man spielerisch für das wirkliche Leben - im existentiellen Abnutzungskampf Mann-gegen-Mann. Es ging um den Ball und um die Ehre.

Über allem wachte und wacht auch heute noch der ehrwürdig-robuste, hoch aufragende Wasserturm (errichtet 1903), mit mahnendem Blick auf unser beschauliches Viertel, das "Geistviertel". Was dieser steinerne Riese mit den Jahrzehnten so alles gesehen hat und was er nicht alles erzählen könnte, wenn er denn könnte...
Als kleines Kind hatte ich die bedrückende Vorstellung, der Wasserturm sei bis zu seiner Spitze tatsächlich mit Wasser angefüllt. Meine Sorge galt den gläsernen Fenstern und was wohl geschehe, wenn sie durch den Wasserdruck bersten würden. Vielleicht motivierte mich diese geheime Furcht dazu, besonders früh Schwimmen zu lernen. "Freischwimmer, Fahrtenschwimmer, Jugend-Schwimmschein"; ich schaffte alle Prüfungen und war damit gut vorbereitet auf die große Flut.
Irgendwo im Grüngürtel am Fuße des Turms könnte noch eine Metallschatulle verbuddelt sein. Ihr Inhalt: Ein Päckchen Zigaretten ("Camel ohne Filter") mit Streichhölzern ("Welthölzer") und einem Päckchen Kaugummi ("Wrigley’s Spearmint"); gedacht für die sehr privaten blauen Stunden mit meinem Kumpel Holli (9 Jahre, so wie ich damals). Wir pafften unbeobachtet unter einer Fußgängerbrücke. Nicht sehr regelmäßig; aber regelmäßig wurde uns kotzübel dabei. Eingestanden haben wir uns das aber nie. Jeder göbelte für sich allein.

E h r e n s a c h e !

Erinnerungen an meine Kindheit in der "großen Stadt". Wobei mir "mein" Münster in der Rückschau eher wie ein übergroßes Dorf vorkommt, in dem jeder jeden kannte; wenn auch nicht persönlich und im Detail, dann aber doch wenigstens irgendwie. Und irgendwie, so kommt es mir rückschauend vor, passte alles gut zusammen.

Post Scriptum:
Den Wrigley's Kaugummi sowie einige weitere unbedingte Notwendigkeiten für Jungs der Siebziger, hatte ich beim zentralen Versorger des Viertels, "LEBENSMITTEL FRANK", einem rustikal geführten Familienbetrieb, "englisch eingekauft"; also gemopst. Dafür möchte ich mich heute - zwar recht spät, jedoch überaus reuig - in aller Form entschuldigen.
Was die "Fluppen" (Zigaretten) betrifft - für die war allein mein Freund Holli verantwortlich. Mir ist seine Bezugsquelle zwar bekannt, doch hatten wir uns damals zum lebenslangen Stillschweigen verpflichtet, und ich fühle mich an diesen Eid gebunden.

E h r e n s a c h e !

© Jörg Ulrich Helgert | JUH

Jörg Ulrich Helgert - Lyriker
Jörg Ulrich Helgert - Lyriker

Ein befreiender Moment

Kürzlich, vor einem Discounter in der mecklenburgischen Stadt Parchim - in "meiner" Stadt also - half mir ein junger Mann arabischer Herkunft spontan dabei, einige Dinge wieder einzusammeln, die mir aus einer kaputten Einkaufstasche auf die Straße gefallen waren.

Er zögerte keine Sekunde, klaubte die Waren rasch zusammen und machte sich auch auf die "Verfolgung" einer wegrollenden Orange, die er mir hernach, ohne eine Mine zu verziehen, in nüchterner Selbstverständlichkeit überreichte.

Ich bedankte mich bei ihm - offenkundig zu seinem Erstaunen - wortlos mit einer Umarmung, die er auch zuließ und erwiderte. Wir hielten einander für einen kurzen innigen Moment, lösten uns dann wieder, strahlten uns an und gingen unserer Wege.

Es fühlte sich für mich so an - womöglich auch für den jungen Mann - als hätten wir in diesem befreienden Wimpernschlag grenzüberschreitender Nähe und Zugewandtheit alle menschgemachten Probleme der Erde mit einer einzigen Geste eines winzigen Augenblicks gelöst.

Es gibt Zeichen, Gründe und Anlässe,
die Hoffnung auf Heilung der darbenden Menschenwelt
niemals fahren zu lassen.

© Jörg Ulrich Helgert | JUH

Schwert der Liebesmacht

Das Streben nach Macht ist den Menschen ein innerer Antrieb. Dieser Drang ist oft stärker als die Vernunft und begründet Missgunst, soziale Verwerfungen und Kriege.   

Wenn es nun aber gelänge - von heute auf morgen - für alle Menschen die "Macht der Liebe" ins Zentrum der Begehrlichkeit zu rücken und diese Macht als das höchste zu erlangende irdische Gut, als wertvollste Kompetenz der wahrhaft Mächtigen auszuzeichnen, so würden sich schlagartig die Szenarien jeglicher Konflikte und Kriege grundlegend wandeln.  

Die neuen "Waffen" hätten dann Namen wie ZUGEWANDTHEIT, ZÄRTLICHKEIT, VERTRAUEN, VERANTWORTUNG, DANKBARKEIT und das Rüstzeug der Kombattanten bestünde fortan aus EMPATHIE, SEELENTIEFE, BILDUNG, WÜRDE, DEMUT, DULDSAMKEIT und MITGEFÜHL.   

Die neuen Götzen hießen ANMUT, FRIEDEN, EROS, SOLIDARITÄT und LEBENSFÜLLE. In solche "Feldzüge" um die Herrschaft der Liebe würde auch ich mit fliegenden Fahnen ziehen und - als rasend Machtbesessener - an vorderster Front aller Schlachten zu finden sein.   

Eine Utopie nur. 
Oder etwa doch bereits viel mehr; 
allein schon deshalb, 
weil ich sie hege und machtvoll ersehne?

© Jörg Ulrich Helgert | JUH

Jörg Ulrich Helgert - Lyriker

Randnotizen